8. Sächsischer Heimattag – Heimat aktiv!

Bericht vom 8. Sächsischer Heimattag – Heimat aktiv! «Alltagskultur im ländlichen Raum Sachsens um 1840»

Es spricht Prof. Dr. Hans-Jürgen Hardtke, Vorsitzender des Landesvereins zum 8. Sächsischen HeimattagAm 7. Oktober 2017 in Freiberg Der diesjährige Heimattag im Brauhof Freiberg widmete sich einem wichtigen Zeitausschnitt der deutschen und sächsischen Geschichte, nämlich dem «Aufbruch und der Stagnation im Vormärz», wie der weiterführende Titel des Veranstaltungsthemas lautete. Konzentriert auf wenige Jahre des 19. Jahrhunderts, auf die 1840er Jahre, sollte die Tagung Informationen und Anregungen geben, sich mit dieser Epoche zu beschäftigen und die Bedeutung dieser Jahre auch für die heutige Zeit zu erkennen.
 
In diesem Sinne führte Dr. Hans- Joachim Jäger die Teilnehmer in die Tagung ein. Er stellte den Vormärz in den geschichtlichen Zusammenhang der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, ausgehend von den Befreiungskriegen und der Restauration. Dr. Jäger verlas das Grußwort des Schirmherrn des Heimattags, dem Präsidenten des Sächsischen Landtags, Dr. Matthias Rößler, der zunächst dafür dankte, dass seine Rede «Heimat in Sachsen» bei der diesjährigen Jahreshauptversammlung in Cunewalde auf große Resonanz gestoßen war und in den Mitteilungen des Landesvereins im Heft 2/2017 gedruckt erschien. Dr. Rößler wies sowohl auf die Notwendigkeit, die Quellen und Zeugnisse auch des Vormärz neu zu befragen, als auch auf die Veränderung der Arbeits und Lebensbedingungen in jener Zeit hin, was auch heute wieder aktuell ist. Das Recht jedes Menschen auf ein menschenwürdiges Leben, auf Arbeit, auf angemessenen Wohnraum und Lebensunterhalt, auf soziale Sicherung und auf Bildung sind heute die Ziele der demokratischen Gesellschaft.
 
Dr. Thomas Westphalen übernahm die Leitung der ersten Sektion, die mit dem Referat von Dr. Matthias Donath zu «Sachsens Dörfer um 1840» begann. Dr. Donath ging besonders vertieft auf die rechtlichen Grundlagen ein, die die folgenden Jahrzehnte mit ihren Auswirkungen prägen sollten. Zu nennen sind hier die Verabschiedung der Verfassung, die Ablösung der Dienstverpflichtungen, so zum Beispiel die Abschaffung des Gesindezwangsdienstes sowie des Flurzwanges und der Patrimonialgerichtsbarkeit. Die Folgen dieser Reformen sind nicht zu unterschätzen; von ihnen ging eine größere Selbständigkeit und Verantwortung für viele Menschen aus. Dr. Donath benannte das Verhältnis der Landbevölkerung zu den Rittergutsbesitzern, denen mit diesen Reformen eine Vielzahl von Arbeitskräften nicht mehr zur Verfügung stand. Mechanisierung, aber vor allem Indienstnahme von Landarbeitern waren die Folge, was jedoch nicht selten die Einkünfte der Güter überstiegen. So erhielten um 1840/50 viele Rittergüter bürgerliche Besitzer. Die neuen Verkehrswege machten die Verwendung von anderen Baumaterialien möglich; die Ziegel hielten großflächig Einzug, die Dorfbilder veränderten sich. Auch die Veränderung der Viehbestände und der Nahrungskultur der Menschen wurde von Dr. Donath angesprochen.
 
Den Aspekt der Bildung übernahm der nächste Referent, Dr. Jens Schulze- Forster. Anhand des Wirkens von Karl Benjamin Preusker charakterisierte der Referent dessen Bemühungen um Volksbildung, die sich in der Schaffung der ersten Volksbücherei zeigten, aber auch in der Sonntagsschule, die ein besonders großer Erfolg wurde. In der Diskussion wurde erörtert, inwieweit die Erfolge wirklich zu messen seien. Auch die Auswanderung nach Amerika aus Sachsen wurde thematisiert.
 
Roland Pfirschke stellte anschließend die reichhaltigen Quellen im Sächsischen Staatsarchiv zu den Ablösungen und Gemeinheitsteilungen vor. Bemerkenswert war unter anderem, dass im 14. und 15. Jahrhundert viele Herren auf Frondienste verzichteten, die dann später erst wieder in Anspruch genommen wurden. Dabei müsse der Forscher die unterschiedlichen Bedingungen bei den Ablösungen zwischen den Erblanden und der Oberlausitz berücksichtigen. In der Oberlausitz blieb auch der nächste Vortrag inhaltlich angesiedelt, in dem Sven Brajer über den Alltag und die Lebenswelt der vorindustriellen (Heim-)Weber sprach. Den Rahmen bildete der Strukturwandel in der Zeit des Vormärz, der in Teilen der Oberlausitz zur Entstehung mehrere tausend Einwohner umfassender Dörfer führte, die später Industriedörfer genannt wurden. Die Verarmung und das Elend der Weber sind fast sprichwörtlich geworden. In der Diskussion wurde auf diesen Punkt eingegangen, ob dies nicht auch eine andere Seite habe. Wenn so viele in der Weberei arbeiteten, müssten diese auch anziehende Arbeitsstätten gewesen sein. Rudolf Schröder wies in der Aussprache auf den Wandel der Kulturlandschaft hin; die Leinenproduktion verlangte große Flächen, die vorher anders genutzt wurden.
 
Der nächste Vortrag – die Tagungsleitung hatte Dr. Jäger übernommen – blieb bei der Landwirtschaft im weiteren Sinn, bei den Bauerngärten, über die Professor Dr. Hans-Jürgen Hardtke referierte. Bauerngärten, so wie wir sie heute verstehen, sind eine erst relativ junge Gattung des Gartens. Bisher liegt erst wenig Literatur zu diesem Thema, auf Sachsen bezogen, vor. Die beiden ältesten Bestandteile, Obst- und Kräutergarten, sind schon auf Karl den Großen zurückzuführen; der Blumengarten trat erst um die Mitte des 17. Jahrhunderts hinzu. Hardtke stellte die wichtigsten Gewächse der Bauerngärten und ihre vielseitige Verwendung vor.
 
8. Sächsischer Heimattag, Veranstaltungssaal im Brauhof FreibergEs spricht René Misterek, Leiter des Stadtmuseums Pirna zum 8. Sächsischen Heimattag in Freiberg
 
Im nächsten Vortrag wurde von René Misterek die Leistung sächsischer Buchbinder für die Bildung vorgestellt. Vor allem in den bekannten Volkskalendern mit Ratschlägen, belehrenden und erbaulichen Geschichten zeigt sich, was der Landmann und einfache Bürger las. Als die Redaktion der Kalender aufgrund staatlicher Forderungen an akademisch gebildete Bürger übergeben werden musste, war damit eine Professionalisierung der Kalenderarbeit verbunden. Dem Einfluss des Vogtländischen landwirtschaftlichen Vereins auf die Landwirtschaft widmete sich Ina Skerswetat. Sie verdeutlichte, wie sich die Nahrungsmittelgewohnheiten änderten, der Konsum, neue landwirtschaftliche Geräte und neue Nutzvieharten im Vogtland Einzug hielten und wie dies der Vogtländische landwirtschaftliche Verein wie auch andere ökonomische Vereine in Sachsen be- und antrieben. Die Vereine waren wichtige Katalysatoren, die neue wissenschaftliche Erkenntnisse zur Erhöhung und Verbesse-rung der landwirtschaftlichen Produkte an den Landmann brachten. Auch die Weltausstellung von 1851 führte zu einem deutlichen Auftrieb der Mechanisierung in der Landwirtschaft.
 
Der letzte Vortrag, den die Niederschönaer Ortschronistin Christine Zimmermann hielt, war der praktische Anschluss an den ersten Vortrag von Matthias Donath. Zimmermann zeigte anhand der Geschichte ihrer Gemeinde, wie sich die politischen Reformen der 1830er Jahre im Dorf Niederschöna auswirkten. Auch in diesem Referat spielte die Veränderung der Nahrungsmittelgewohnheiten eine Rolle: 1844 öffnete die erste Bäckerei in Niederschöna und markierte für die Gemeinde den Beginn dessen, was für uns heute alltäglich ist: nicht mehr das Brotbacken zuhause, sondern das Einkaufen der Backwaren in der Bäckerei – oder inzwischen im Supermarkt.
 
Daran schloss die Zusammenfassung der Tagung durch Dr. Konstantin Hermann an, der zunächst auf die Nahrungsmittelrevolution des 19. Jahrhunderts einging und charakterisierte, wie viele der heute selbstverständlichen Gewohnheiten, ebenso die industrielle Lebensmittelproduktion, ihren Ausgang im 19. Jahrhundert nahm. Die Kartoffel setzte sich durch, Säfte wurden in großer Menge getrunken, der Konsum vor allem von Schweinefleisch stieg stetig an. Wichtig, so Hermann, sei das Lösen und Hinterfragen von tradierten Vorstellungen und Urteilen, wie es sich auch in der Diskussion um die Stellung der Weber ausdrückte. Auch müsse man die Auswirkungen der politischen Reformen, die zu mehr Eigenverantwortung und Freiheit führten, unter dem Aspekt des Selbstverständnisses der Menschen damals sehen. Die Möglichkeit, politisch Einfluss zu nehmen, die Aufhebung der Patrimonialgerichtsbarkeit und anderes mehr haben zumindest bei einigen zu einem größeren Selbstverständnis geführt. Dies sei auch der entscheidende Punkt, bei dem die Heimatforschung die Wissenschaft unterstützen könne. Die Einschätzung der Auswirkungen auf die Menschen kann vor allem durch Ego-Dokumente geklärt werden, die aufgefunden und ausgewertet werden müssten. Auch hierin zeige sich wieder das wichtige Miteinander von Wissenschaft und Ortschronistik. Die Frage, wie die Menschen mit diesen Veränderungen in der damaligen Zeit umgegangen sind, wie sie lernten und wie sie empfanden, sei die wichtigste, die an alle Aussagen des heutigen Tages zu richten sei.
 
Dr. Jäger schloss den Heimattag einige Minuten nach 17 Uhr, dankte den Referenten und Zuhörern und lud zum nächsten Heimattag am 6. Oktober 2018 ein. Die interessanten Vorträge und wichtigen Fachdiskussionen hatten deutlich den Zeitplan überschreiten lassen. Auch dem Brauhof Freiberg sei für die Gastfreundschaft gedankt, ebenso den Vorbereitenden des Heimattags und nicht zuletzt auch den Vereinsmitgliedern, die am Buchtisch Publikationen verkauften.
Konstantin Hermann (Text und Grafiken aus Mitteilungen 3/2017 des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz)

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