Kulturerbejahr ECHY: Ostern – Region Oberlausitz – Nebelschütz

Nebelschütz, Vortrag Dr. Thomas WestphalenKinder in Tracht, NebelschützExkursion in Nebelschütz

Fotos: v. l. n. r.: Vortag Dr. Thomas Westphalen, (Bild von Dr. Petra Westphalen ), Kinder in Tracht, Exkursion in Nebelschütz, (Bilder von Kay Arnswald)

Hier finden Sie die Einladung (PDF) zu dieser Veranstaltung.

Am 24. März fand die 1. Regionalkonferenz in Nebelschütz, dem „Tor zur sorbischsprachigen Oberlausitz“ statt. Tagungsort war die zum Pfarrgemeindezentrum umgebaute ehemalige Pfarrscheune. Die etwa 70 Tagungsteilnehmer wurden, wie könnte es anders sein, von einem von Kindern dargestellten Hochzeitpaar mit Salz und Brot in sorbischer Sprache begrüßt. Die Begegnung mit der lebendigen sorbischen Traditionspflege war an diesem Tag allgegenwärtig. Drei Nebelschützerinnen leiteten den Tag mit sorbischen Liedern ein. Nach den Grußworten von Landrat Michael Harig und Krabat alias Wolfgang Kraus stellte Bürgermeister Thomas Zschornak „seine“ Gemeinde, zu der neben Nebelschütz vier weitere Dörfer gehören, vor.

Nebelschütz ist ein „enkeltaugliches Dorf“, was sich auch im Straßenbild niederschlägt. Von Überalterung und Landflucht oder anderen Folgen des demographischen Wandels ist hier nichts zu sehen. Neubauten junger Familien prägen den Dorfrand, die Kita muss erweitert werden und knapp 20 Jahre nach der Schließung der Grundschule überlegt man jetzt die Gründung einer neuen Schule in freier Trägerschaft. Der Wandel von einer auf Landwirtschaft basierenden Wirtschaft zu gesundem und innovativen Mittelstand ist vollzogen. Die Dächer der ehemaligen Schweinmastanlagen sind mit Solarpanellen gedeckt, als jüngsten „coup“ plant der Bürgermeister, die Ställe zu Shrimpzuchtanlagen umzubauen – Krabben aus der Lausitz!

 

Dr. Olaf Bastian eröffnete den Reigen landeskundlicher Vorträge mit der Vorstellung des „Landschaftsraumes Oberlausitz“. Er stellte die Besonderheiten der neun Naturräume der Oberlausitz prägnant, verständlich und durch brillante Bilder untermalt vor. Größer können die Gegensätze nicht sein. Flächendeckender Tagebau schuf das Oberlausitzer Bergbaurevier mit heute wieder entstandenen Landschaften, die nicht nur der Erholung, sondern auch dem Naturschutz dienen. Der Großräumigkeit und der äußerst dünnen Besiedlung, die auch eine Folge der nahezu unbesiedelten aktiven und ehemaligen Truppenübungsplätze der Muskauer und der Königsbrücker-Ruhländer Heiden ist, ist die Ansiedlung der Wölfe in Deutschland zu danken. Auf der anderen Seite üben die tiefeingeschnittenen Skalentäler des Oberlausitzer Gefildes einen unwiderstehlichen Reiz auf ihre Besucher aus. Dass der Landesverein als ehemaliger Besitzer der Gröditzer Skala die Entwicklung dieser Kleinodien mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt, sei nur am Rande vermerkt. Kritische Worte fand der Vortragende, als er die vorrangig landwirtschaftlich intensiv genutzte, daher monotone Gefildelandschaft vorstellte.

Dr. Thomas Westphalen widmete sich in seinem Vortrag einem Ereignis, das sich vor ziemlich exakt 1000 Jahren ereignet. Der Merseburger Chronist und Bischof Thietmar berichtet, dass am 30. Januar 1018 Kaiser Heinrich ll. und der polnische Herrscher Bolesław Chobry in „urbe Budusin“, also der Stadt Bautzen, im Frieden von Bautzen ihre 13jährigen für beide Seiten verlustreichen Kämpfe aus Thietmars Sicht so wie er damals zu erreichen war, nicht wie er sein sollen beendeten. Bautzen war in dieser Zeit zweifelsohne der zentrale Ort des damaligen Milzenerlandes, das zu den burgenreichsten Landschaften Mitteleuropas gehört. Die archäologischen Quellen und die Überlieferung des Merseburger Bischofs zeigen, dass die Oberlausitz kein Spielball höherer Mächte war, sondern deren Bewohner durchaus ihre Geschicke eigenständig in die Hand nahmen. In dieser Zeit war Bautzen im Gegensatz zu späteren Jahrhunderten auch Sitz einer aus den schriftlichen Quellen nicht erschließbaren zentralen Herrschaft.

Thomas Noky, Fachreferent für ländliches Bauen im Landesamt für Denkmalpflege, berichtete über „Bauformen in der Oberlausitz“. Beeindruckend war die Fülle neu entdeckter „alter“ Gebäude in der ländlichen Oberlausitz. Die ältesten Häuser sind nach Ausweis der dendrochronologischen Altersbestimmung im späten 15./16. Jahrhundert errichtet. Leider können diese Erkenntnisse gelegentlich erst getätigt werden, wenn bei bevorstehendem Abriss Baudokumentationen durchgeführt werden. Überraschend war auch die von Noky vorgetragene Erkenntnis, dass trotz des Markenzeichens „Umgebindeland“ das Umgebindehaus weder typisch für die Oberlausitz noch auf diese beschränkt ist.

Mit den Bräuchen der Sorben befasste sich die Volkskundlerin Andrea Pawlikowa. Als Mitarbeiterin im Sorbischen Museum sitzt sie „an der Quelle“. Angesichts des vorösterlichen Tagungstermins spielten die alten, zum Teil wieder belebten sorbischen Neujahrs-, Frühlings- und Osterbräuche eine große Rolle in ihrem Vortrag. Ergänzend führte Maria Schäfrig verschiedenen Wachstechniken vor und verzierte Ostereier mit traditionellen Mustern.

Mit der zweifachen Siedungsleere der Oberlausitz innerhalb des Zeitraums zwischen etwa 500 v. Chr. und 500 n. Chr. überraschte Fredericke Koch-Heinrichs das Publikum. Die Leiterin des Museums der Westlausitz zeigte diese Leere für alle verständlich, indem sie in ihren Vortrag zwei dunkle Blankofolien einschob.

Namentlich die katholische Oberlausitz ist das „Land der 1000 Kreuze“, wie Pfarrer a. D. Ulrich Eichler an zahlreichen Beispielen zeigen konnte. Allein 151 Marter und Bildstöcke in Sachsen hat er katalogisiert, gegliedert und in einer seinem Vortrag zugrunde liegenden Publikation (Marter und Bildstock, Dresden 2003) veröffentlicht.

Der letzte Vortrag war einer aktuellen Entwicklung gewidmet. Dr. Ines Kellerowa, Serbski institut/Sorbisches Institut und Dr. Fabian Jacobs, Bundesvorstand der Domowina, stellten ergänzend zu Frau Paulikowas Ausführungen „Perspektiven für das sorbische immaterielle Kulturerbe“ vor. Vor vier Jahren sind die „Gesellschaftlichen Bräuche und Feste der Lausitzer Sorben“ in die bundesdeutsche Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen worden. Die aktuellen Bestrebungen zielen auf die Aufnahme in die Unesco-Liste des immateriellen Kulturerbes.

Der Nachmittag war drei Stationen vorbehalten. Herr Zschornak führte gemeinsam mit der Dorfplanerin Architektin Ilona Palme (Kamenz) durch das Dorf. Anschaulich konnten die Teilnehmer nun erleben, was der Bürgermeister am Vormittag in seinem Vortrag darstellte, Spielplätze und der phantasievoll gestaltete Kindergarten begeisterten. Mit vollen Händen verließen die Besucher den Lausitzer Höfeladen, der mit seinen Bio- und Regionalprodukten überzeugte. Bewundernd standen die Zuhörer in einem sehr heruntergekommen großen Hof, den eine Familie wieder mit Leben erfüllen will – dies kann nur gelingen wenn Gemeinde und neue Nutzer gut Hand in Hand arbeiten.

Auch Herr Noack, Kunst- und Kulturverein „Steinleicht. e.V.“ und Beauftragter für Permakultur in der Gemeinde Nebelschütz, stellte die verschiedenen Projekte vor, die ein Markenzeichen von Nebelschütz sind. Vielen Teilnehmern war der Begriff „Permakultur“ fremd. Permakultur ist ein Konzept, das auf die Schaffung von dauerhaft funktionierenden nachhaltigen und naturnahen Kreisläufen zielt. Ursprünglich für die Landwirtschaft entwickelt, ist sie inzwischen ein Denkprinzip, das auch Bereiche wie Energieversorgung, Landschaftsplanung und die Gestaltung sozialer Infrastrukturen umfasst. An praktischen Beispielen mangelt es in Nebelschütz nicht. Essbare Hecken sind ein Element der dortigen Landschaftsgestaltung – sie bieten Mensch und Vögeln Nahrung und werden gut angenommen. Und der Feuerlöschteich ist als naturnaher Teich mit Insel, Untiefen und Randbewuchs ausgestattet. Imponierend auch die Anlage von Kompensationsflächen, die als Ökokontomaßnahmen der Gemeinde zusätzliche Mittel bescheren. Ein weiterer Höhepunkt war der Besuch des ehemaligen Miltizer Steinbruchs, dem eigentlichen Betätigungsfeld des „Steinleicht e.V.“

Der Tag endete mit einem Besuch in der Pfarrkirche „St. Martin, 1741 bis 1743 nach Plänen von Gaetano Chiaveri gebaut, deren Geschichte und Ausstattung Pfarrer Michał Nawka ausführlich vorstellte. Der Tag in Nebelschütz war rundum gelungen und gibt Hoffnung für die folgenden Regionalkonferenzen.

Text: Dr. Thomas Westphalen

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